„Der Club der Starken“
Aktualisiert: 21. Aug.
„Wahnsinn, was du alles schaffst – du bist so stark.“
„Du warst immer schon die Stärkere von uns beiden,.“
„Ich wünschte, ich wäre so stark wie du.“
Auf den ersten Blick sind das Komplimente.
Und manchmal fühlen sie sich auch so an.
Doch es gibt einen Moment, in dem sich etwas verschiebt:
Dann, wenn du beginnst zu spüren, was dich diese Stärke eigentlich kostet.
Wenn Stärke zur Strategie wird
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die selten weinen.
Die funktionieren.
Die das Gefühl vermitteln, alles im Griff zu haben.
Aus systemischer Sicht ist das kein Zufall.
Diese Form von „Stärke“ entsteht oft in einem Kontext –
in Beziehungen, in Familien, in Situationen,
in denen es notwendig war, sich anzupassen.
Nicht, weil du so bist.
Sondern weil es einmal sinnvoll war, so zu werden.
Vielleicht gab es Sätze wie:
„Du musst jetzt stark sein.“
„Weine nicht.“
„Du schaffst das schon.“
„Jetzt reiß dich zusammen.“
Was als Orientierung oder Schutz gemeint war, wird im kindlichen Erleben oft anders gespeichert:
„Meine Gefühle sind gerade zu viel.“
„Ich bin richtig, wenn ich funktioniere.“
Aus systemischer Perspektive ist jedes Verhalten sinnvoll – bezogen auf den Kontext, in dem es entstanden ist.
Stark zu sein bedeutet dann:
sich anzupassen
Emotionen zurückzuhalten
Überblick zu behalten
für andere da zu sein
Diese Strategie hat oft geholfen: Sie hat Stabilität geschaffen, Orientierung gegeben, vielleicht sogar Bindung gesichert.
Sie war eine Lösung.
Und diese Lösung hat ihren Preis
Was damals hilfreich war, kann heute zur Begrenzung werden.
Denn Gefühle, die keinen Raum bekommen, verschwinden nicht.
Sie verlagern sich.
Wie ein Ball, den man unter Wasser drückt – irgendwann kommt er zurück.
Manchmal leise. Manchmal mit Druck.
Typische Erfahrungen aus meiner Praxis:
„Weinen bringt mir jetzt auch nichts – ich muss funktionieren.“
„Wenn ich Gefühle zulasse, verliere ich die Kontrolle.“
„Die anderen brauchen mich – ich kann jetzt nicht schwach sein.“
„Ich kümmere mich später um mich.“
Was nach Kontrolle aussieht, ist oft ein gut erlerntes inneres System:
Emotionen werden reguliert – durch Unterdrückung.
Wenn der Körper beginnt zu sprechen
Wird inneres Erleben dauerhaft zurückgehalten,
zeigt sich das häufig auf anderen Ebenen:
Schlafstörungen oder vermehrter Schlafbedarf
Erschöpfung
Kopfschmerzen oder Schwindel
Druck im Magen, Reflux
Darmbeschwerden
Hautreaktionen
Empfindlichkeit
Weinerlich
Hysterie
Genervt sein etc.
Aus systemischer Sicht sind das keine „Störungen“,
sondern Ausdrucksformen eines Systems, das versucht, in Balance zu kommen.
Stärke neu verstehen
Vielleicht liegt die eigentliche Stärke nicht darin,
alles auszuhalten. Sondern darin, wieder in Kontakt zu kommen.
Mit dem, was da ist.
Mit Traurigkeit.
Mit Angst.
Mit Überforderung.
Nicht als Schwäche –
sondern als Teil deines Erlebens.
Denn echte Stärke bedeutet nicht, nichts zu fühlen.
Sondern fühlen zu können, ohne sich darin zu verlieren.
Ein Impuls zum Mitnehmen
Wenn du dich im „Club der Starken“ wiedererkennst,
könnte es sich lohnen, sanft hinzuschauen:
Welche Rolle habe ich früh übernommen?
Was durfte ich fühlen – und was nicht?
Wann beginne ich zu funktionieren, statt zu spüren?
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Wie könnte meine Stärke aussehen, wenn sie nicht mehr gegen mich arbeitet –
sondern für mich?
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