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Wenn selbst die Erholung zur Aufgabe wird

Autorenbild: S LI
S LI
28. Juli
3 Min. Lesezeit

Eine systemische Perspektive


Ich sitze mit meiner Familie im Urlaub. Neben mir liegt ein Stapel Arbeitsblätter meines Sohnes. Zwölf DIN-A4-Seiten, Vorder- und Rückseite, mit Aufgaben zum Wiederholen, Vertiefen und teilweise sogar zum Vorbereiten neuer Inhalte. Neben mir beantwortet mein Mann berufliche E-Mails, obwohl diese Zeit eigentlich dafür gedacht ist, zur Ruhe zu kommen, aufzutanken und sich der Familie zuzuwenden.


Und ich frage mich: Wann haben wir eigentlich verlernt, einfach Pause zu machen?


Ferien. Ein Wort, das ursprünglich nach Freiheit klingt. Nach Zeit, die nicht verplant ist. Nach Ausschlafen, Entdecken, Spielen, Sein. Nach Familienzeit, in der man sich wieder begegnet und näher kommt.


Und doch scheint selbst diese Zeit zunehmend mit Erwartungen verbunden zu sein. Kinder sollen Inhalte festigen, Wissenslücken schließen oder vorbereitet in das nächste Schuljahr starten. Erwachsene sollen erreichbar bleiben, Aufgaben abschließen und den Anschluss nicht verlieren.


Natürlich entstehen diese Anforderungen nicht aus einer schlechten Absicht heraus. Lernen, Entwicklung und Verantwortung sind wichtige Bestandteile unseres Lebens. Die Frage, die mich aus systemischer Perspektive jedoch beschäftigt, ist eine andere:


Was passiert, wenn Leistung nicht nur ein Teil unseres Lebens ist, sondern zu einer Voraussetzung für unser Gefühl von Sicherheit, Anerkennung und Wert wird?


Unser gesellschaftliches System vermittelt uns früh bestimmte Botschaften: Wer sich anstrengt, wer leistungsfähig ist, wer sich weiterentwickelt und effizient arbeitet, hat bessere Chancen. Leistung wird sichtbar gemacht, bewertet und verglichen.


Unsere Kinder lernen sehr früh, dass Fortschritt messbar ist. Noten geben Rückmeldung darüber, wo sie stehen. Aufgaben werden erfüllt, Ziele erreicht und Fähigkeiten optimiert.


Doch welche Fähigkeiten entstehen in den Momenten, die nicht bewertet werden?


Was passiert, wenn ein Kind einfach durch den Garten streift, Löcher in den Sand gräbt, eine Geschichte erfindet oder aus Langeweile eine eigene Idee entwickelt?


Was geschieht mit der Fähigkeit, innezuhalten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und sich selbst zu regulieren?


Aus systemischer Sicht betrachten wir Menschen immer eingebettet in ihre Systeme. Wir sind geprägt durch Familie, Schule, Arbeitswelt, Kultur und gesellschaftliche Werte.


Das bedeutet jedoch nicht, dass wir keine Wahl haben. Jeder Mensch trifft Entscheidungen und trägt Verantwortung für sein eigenes Handeln.


Die systemische Perspektive lädt dazu ein, auch den Kontext zu betrachten, in dem diese Entscheidungen entstehen.


Denn manchmal entscheiden wir uns nicht nur aus einem freien Wunsch heraus, sondern auch aus erlernten Überzeugungen, Erwartungen oder der Sorge heraus, etwas Wichtiges zu verlieren.


Die Eltern, die mit ihren Kindern in den Ferien üben, tun dies häufig aus Liebe und Verantwortungsgefühl. Sie möchten unterstützen und ihrem Kind gute Möglichkeiten eröffnen.


Menschen, die im Urlaub erreichbar bleiben, tun dies oft aus dem Wunsch heraus, zuverlässig zu sein, Verantwortung zu übernehmen oder Anforderungen gerecht zu werden.


Die Frage ist deshalb nicht:

„Wer macht es richtig oder falsch?“


Sondern vielmehr:


„Welche inneren und äußeren Systeme beeinflussen unsere Entscheidungen – und entsprechen sie noch dem Leben, das wir heute führen möchten?“


Vielleicht übernehmen wir deshalb so leicht den inneren Satz:

„Ich muss etwas leisten, um gut genug zu sein.“


Nicht, weil dieser Gedanke bewusst gewählt wurde. Sondern weil er in vielen kleinen Erfahrungen entstehen kann: durch Erwartungen, durch Anerkennung für Leistung, 

durch Vergleiche oder durch die Erfahrung, dass Funktionieren Sicherheit schafft.


Doch vielleicht lohnt sich die Frage:

Was ermöglichen wir unseren Kindern – und auch uns selbst –, wenn wir nicht ständig etwas verbessern, erreichen oder optimieren müssen?


Langeweile oder nichts tun ist nicht automatisch verlorene Zeit. Sie kann ein Raum sein, in dem Kreativität entsteht, Fantasie wachsen darf und Menschen wieder mit sich selbst in Kontakt kommen.


Auch Erwachsene brauchen diese Räume. Zeiten, in denen nichts erledigt, bewiesen oder erreicht werden muss. Zeiten, in denen der Körper sich erholen darf und der Geist nicht schon beim nächsten Schritt ist.


Vielleicht liegt eine wichtige Aufgabe unserer Zeit darin, ein neues Gleichgewicht zu finden:

Zwischen Förderung und Überforderung.

Zwischen Entwicklung und Ruhe.

Zwischen Tun und Sein.


Denn Erholung ist keine verlorene Zeit. Sie ist ein notwendiger Raum, in dem wir wieder spüren können, was uns guttut, was wir brauchen und wer wir sind, wenn gerade nichts von uns erwartet wird.

Vielleicht beginnt echte Erholung dort, wo wir uns erlauben, Pause nicht auch noch leisten zu müssen.

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