Wenn Medizin mehr auslöst als Klarheit
Aktualisiert: 11. Mai
Meine Klientin ist Ende 30, verheiratet und Mutter eines fünfjährigen Kindes. Seit etwa drei Jahren besteht der gemeinsame Wunsch nach einem weiteren Kind. Nachdem sich dieser Wunsch nicht erfüllte, ließ das Paar auf ärztlichen Rat hin umfangreiche medizinische Abklärungen durchführen.
Im Verlauf der Diagnostik zeigte sich eine medizinische Ursache auf Seiten des Partners.
In unseren Gesprächen wurde deutlich, dass dieser Befund über die ursprünglich intendierte Klärung hinaus eine tiefere Dynamik im Paarsystem ausgelöst hat. Die medizinische Erklärung, die eigentlich Entlastung und Orientierung bringen sollte, wurde im Erleben der Klientin zu einem Wendepunkt in ihrer Beziehung zum Partner.
Sie beschreibt, dass sich im Zuge der Diagnose ihre Wahrnehmung ihres Mannes verändert habe. Damit verbunden sei auch ein deutlicher Rückgang von Intimität und sexueller Nähe entstanden. Sie spricht davon, dass sich für sie „etwas an seiner Männlichkeit verändert habe“, was sie emotional und körperlich distanziert habe.
Obwohl das Paar bereits ein gemeinsames Kind hat wird die Intimität zunehmend durch eine Verlagerung auf die medizinische Ebene ersetzt. Die Klientin beschreibt, dass sie sich im Prozess stark auf die Kinderwunschklinik und die Möglichkeiten der assistierten Reproduktion stützt, während körperliche Nähe zum Partner zunehmend vermieden wird.
Systemische Einordnung
Dieser Fall zeigt, wie stark medizinische Diagnosen im Paarsystem über ihre rein biologische Bedeutung hinauswirken können. Sie verändern nicht nur Informationen über den Körper, sondern auch innere Bilder, Beziehungserleben und Bedeutungszuschreibungen.
Im systemischen Prozess wurde deutlich, dass meine Klientin sich zunächst in einem Zustand der Irritation befand, der nicht sofort erklärbar war. Erst im Verlauf der gemeinsamen Gespräche konnten diese inneren Verschiebungen sichtbar gemacht und in einen Zusammenhang gebracht werden.
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