Ich trage was, was du nicht siehst..
Aktualisiert: 28. Aug.
Heute in meiner Praxis
Eine Klientin Ende dreißig, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, berichtet von immer wiederkehrenden Situation mit ihrer Mutter. Ein Moment, der stellvertretend für viele familiäre Beziehungen stehen könnte.
Nach einem anstrengenden Tag erzählt sie ihrer Mutter, dass sie erschöpft ist. Dass sie müde ist. Dass ihr gerade alles zu viel wird.
Die Antwort ihrer Mutter lautet sinngemäß:
„Früher war das alles noch viel schwerer.“
Dieser Satz steht im Raum.
In diesem Moment treffen zwei unterschiedliche Erlebenswelten aufeinander.
Die Tochter fühlt sich nicht gesehen. Nicht verstanden. Nicht ernst genommen. Sie zieht sich zurück. Vielleicht erzählt sie beim nächsten Mal weniger davon, wie es ihr geht. Nicht aus Trotz, sondern weil sie erlebt, dass für ihre Belastung scheinbar wenig Raum vorhanden ist.
Was passiert hier systemisch?
Systemisch betrachtet begegnen sich hier nicht nur Mutter und Tochter. Es begegnen sich auch zwei Lebensgeschichten.
Die Mutter reagiert möglicherweise nicht nur auf die aktuelle Situation ihrer Tochter, sondern auch aus ihrer eigenen Geschichte heraus. Aus Zeiten, in denen sie selbst funktionieren musste. Aus Erfahrungen, in denen ihre eigenen Belastungen vielleicht wenig Raum bekommen haben.
Wenn eigenes Leid nie wirklich gesehen und anerkannt wurde, kann es schwerfallen, das Leid anderer anzuerkennen. Nicht aus mangelnder Liebe, sondern weil die eigene Geschichte weiterhin im Hintergrund wirkt.
Nicht verarbeitete Erfahrungen können über Generationen weiterwirken. Nicht durch bewusste Absicht, sondern durch das, was unausgesprochen bleibt.
Was eine Generation gelernt hat auszuhalten, ohne darüber sprechen zu dürfen, wird häufig an die nächste Generation weitergegeben.
Im weiteren Gespräch zeigte sich jedoch noch eine weitere Ebene.
Die Wut der Klientin auf ihre Mutter ist nicht grundsätzlich vorhanden. Sie entsteht in bestimmten Momenten – immer dann, wenn sie sich mit ihrer Erschöpfung zeigt und statt Verständnis einen Vergleich erfährt.
Die Wut richtet sich nicht gegen die Lebensgeschichte ihrer Mutter. Sie entsteht aus dem Erleben, in diesem Moment nicht gesehen zu werden.
Unter der Wut liegt oft etwas Tieferes: die Sehnsucht nach Verständnis, Nähe und dem Gefühl, mit den eigenen Erfahrungen willkommen zu sein.
Gleichzeitig fällt es der Klientin schwer, diese Wut zuzulassen. Sie kennt die Geschichte ihrer Mutter. Sie weiß, wie schwer deren Leben war, wie viel sie getragen und ausgehalten hat.
So entsteht ein innerer Konflikt:
Auf der einen Seite die eigene Verletzung.
Auf der anderen Seite Respekt, Mitgefühl und Loyalität gegenüber der Mutter.
Viele Menschen schützen ihre Eltern – auch als Erwachsene – vor den eigenen Gefühlen. Sie möchten nicht ungerecht sein, nicht undankbar wirken und die Last der Eltern nicht noch vergrößern.
Doch Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir die Geschichte des anderen verstehen.
Es ist möglich, Mitgefühl für die Erfahrungen der Eltern zu haben und gleichzeitig die eigene Verletzung anzuerkennen.
Beides darf nebeneinander bestehen.
Die Mutter kann ein schweres Leben gehabt haben.
Und die Tochter kann sich in diesem Moment trotzdem nicht gesehen fühlen.
Ein möglicher nächster Schritt
Der nächste Schritt für die Klientin liegt nicht darin, ihre Mutter von ihrem Erleben zu überzeugen.
Er liegt darin, die eigene Erfahrung ernst zu nehmen.
Die Geschichte der Mutter darf Raum haben – und die eigene Geschichte ebenso.
Das bedeutet nicht, die Mutter weniger zu lieben oder ihr Erlebtes abzuwerten. Es bedeutet, sich selbst nicht länger verlassen zu müssen, um die Mutter zu verstehen.
Vielleicht könnte eine neue Begegnung entstehen, in der die Tochter bei sich bleibt und gleichzeitig die Geschichte der Mutter würdigt:
„Mama, ich weiß, dass du viel getragen hast. Und gleichzeitig wünsche ich mir in solchen Momenten keinen Vergleich, sondern einfach, dass du kurz bei mir bist und mir zuhörst.“
Die Veränderung beginnt nicht immer dort, wo der andere sich verändert.
Manchmal beginnt sie dort, wo wir uns selbst erlauben, unsere eigenen Gefühle wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.
Denn Verbindung entsteht dort, wo Leid nicht verglichen, sondern anerkannt wird.
Reflexionsfragen:
Welche Botschaften über Klagen, Schwäche und Belastung habe ich in meiner Familie gelernt?
Durfte ich traurig, überfordert oder hilfesuchend sein – oder musste ich „funktionieren“?
Und was davon gebe ich heute bewusst oder unbewusst weiter?
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