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Die Wahrheit hinter der Lüge

Autorenbild: S LI
S LI
20. Aug.
2 Min. Lesezeit

Neulich saß eine Frau Anfang dreißig in meiner Praxis.


Sie wirkte souverän, wach, präsent.

Eine Persönlichkeit, die gelernt hatte, Räume einzunehmen. Die wusste, wie man Geschichten erzählt, Menschen unterhält und Interesse weckt.


Sie kam wegen einer Trennung.


Sieben Jahre einer Beziehung, die vielversprechend war – und nun das Ende.


Sie erzählte mir, sie habe ihren Partner verlassen. Sie sprach gefasst, kontrolliert, fast stolz.


Doch im Verlauf unseres Gesprächs begann diese Geschichte sich zu verändern.


Irgendwann senkte sie den Blick und sagte leise: „Eigentlich hat er mich verlassen.“


Auf meine Frage, weshalb, antwortete sie: „Wegen einer Lüge.“


Es blieb nicht bei dieser einen.


Nach und nach wurde deutlich: Diese Frau führte seit Jahren ein Leben, das zu großen Teilen auf Geschichten beruhte, die nie wirklich stattgefunden hatten.


Erfolge, die größer erzählt wurden.

Freundschaften, die enger klangen, als sie waren.

Erlebnisse, die sie interessanter wirken ließen.

Versionen ihrer selbst, die Bewunderung auslösen sollten.


Sie sagte:„Ich versuche oft, jemand zu sein, der ich eigentlich gar nicht bin. Und dann strenge ich mich unglaublich an, damit niemand merkt, dass es nicht stimmt.“


Während sie das sagte, brach ihre Fassade. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.


Was nach außen wie Manipulation wirken könnte, hatte innen eine ganz andere Funktion.


Im gemeinsamen Verstehen ihrer Geschichte zeigte sich, dass diese Strategie nicht plötzlich entstanden war.


Sie wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Leistung sichtbar war – Gefühle eher weniger.


Anerkennung gab es dann, wenn etwas vorzuweisen war. Wenn man funktionierte. Wenn man beeindruckte.


Gleichzeitig lernte sie früh etwas anderes:Dass Wahrheit nicht immer Freiheit bringt.

Dass kleine Unwahrheiten manchmal Freiräume schaffen.


Als Teenager begann sie zu lügen, um ausgehen zu dürfen. Um Dinge erleben zu können. Um das Leben zu entdecken, ohne Kontrolle oder Bewertung.


Damals war diese Strategie hilfreich.


Sie schützte.

Sie machte Entwicklung möglich.


Doch was einst eine Überlebensstrategie war, wurde später zu Identität.


Aus einzelnen Geschichten wurde irgendwann eine Rolle:

Die Erfolgreiche.

Die Spannende.

Die, die immer etwas zu erzählen hat.

Die besondere Kontakte hat.

Die viel erlebt.

Die gesehen wird.

Die bewundert wird.


Denn gesehen zu werden war etwas, das sie tief vermisste.


Mit Tränen in den Augen sagte sie:„Meine Eltern wissen nicht einmal, welchen Abschluss ich wirklich habe. Sie wissen nicht mal genau, was ich beruflich mache.“


Und plötzlich wurde klar: Die Unehrlichkeit hatte in ihrem Leben und in ihrer Beziehung viel angerichtet.


Doch sie schien nicht das eigentliche Thema zu sein.


Darunter lag eine viel tiefere Überzeugung: „So wie ich wirklich bin, reicht es nicht.“


Viele Menschen lügen nicht, um andere bewusst zu täuschen.


Manchmal haben sie irgendwann gelernt, dass bestimmte Seiten von ihnen mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Zugehörigkeit bekommen als andere.


In der Beratung ging es deshalb nicht darum, die Lüge einfach wegzubekommen.


Es ging darum, zu verstehen, wofür sie einmal wichtig geworden war und welche Wirklichkeit sie damit zu erhalten versuchte.


Was hatte sie ihr ermöglicht?

Wovor hatte sie sie geschützt?

Und braucht sie diese Strategie heute noch?


Denn eine Strategie, die uns einmal geholfen hat, muss nicht für immer unsere einzige Möglichkeit bleiben.


Die „erfundenen Geschichten und Rollen“ sollten ihr Nähe ermöglichen.


Und verhinderten am Ende genau das, wonach sie sich zutiefst sehnte.

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