top of page

Wenn der Ruf über allem steht

Autorenbild: S LI
S LI
21. Apr.
2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Aug.

Heute in meiner Praxis

Ein 65-jähriger Vater kommt in meine Praxis.

Seit acht Jahren lebt er mit seiner Familie in Deutschland.


Sein Anliegen ist:

Sein 19-jähriger Sohn soll „zur Vernunft kommen“.


Der Sohn möchte KFZ Mechaniker werden.

Für den Vater ist das kein Weg, der trägt.


Zu wenig Ansehen.

Zu wenig Sicherheit.

Zu wenig Würde – zumindest in seinem inneren Erleben.


Was sich zunächst wie ein Konflikt über Berufswahl zeigt, öffnet im Gespräch eine tiefere Ebene.


Der Vater erzählt von seinem eigenen Weg.

Von Klarheit.

Von einem Leben, das Anerkennung gebracht hat – nicht nur für ihn, sondern für die ganze Familie.


Ein Leben, das gesehen wurde.


Systemisch betrachtet wird sichtbar:Hier geht es nicht nur um Zukunft – sondern um Ehre.


Und um die leise, oft unausgesprochene Gegenseite davon: Scham.


Scham zeigt sich selten direkt.

Sie spricht nicht laut.


Sie zeigt sich in Sätzen wie:

„Was sollen die Leute denken?“

„Das reicht nicht.“

„Das ist kein richtiger Weg.“



Der Sohn steht in diesem Spannungsfeld.


Er ist nicht nur ein junger Mensch mit eigenen Wünschen.

Er ist der älteste Sohn.

Der einzige männliche Nachkomme.


Er trägt eine Rolle, die über ihn hinausgeht.


In dieser Rolle geht es nicht nur darum, wer er ist –

sondern auch darum, wie er gesehen wird.


  • Von der Familie

  • Von der Gemeinschaft

  • Vom sozialen Umfeld


Sein Weg wird zum Spiegel.


Für Erfolg.

Für Versagen.

Für Zugehörigkeit.


Systemisch wird deutlich:

Der Wunsch des Vaters ist nicht einfach stärker – er ist eingebettet in ein System von Bedeutung.


Ein System, in dem das Außen eine regulierende Funktion hat.


Die „Außenwirkung“ ist hier kein oberflächliches Bild.

Sie ist Schutz.


  • verhindert Beschämung.

  • sichert Anerkennung.

  • hält Zugehörigkeit aufrecht.



Migration verstärkt diese Dynamik oft. Wenn vertraute Strukturen wegbrechen,

wenn Sicherheiten sich verschieben, wenn Orientierung fragiler wird – dann gewinnt das, was Halt gibt, an Bedeutung.


  • Ehre

  • Ruf

  • soziale Lesbarkeit


Der Vater beschreibt seinen Sohn als „verwirrt“.

Vielleicht auch, weil dieser sich in einem Raum bewegt, in dem andere Möglichkeiten existieren.

Mehr Freiheit.

Aber auch mehr Ungewissheit.


Und gleichzeitig entsteht eine leise Angst:


Was, wenn der Weg des Sohnes nicht trägt?

Was, wenn er „nicht reicht“ – in den Augen anderer?

Was, wenn daraus Scham entsteht – für ihn, für die Familie?



In dieser Dynamik wird verständlich, warum Kontrolle wie Fürsorge wirken kann.


Warum Führung sich wie Schutz anfühlt.

Warum der Wunsch des Sohnes kaum Raum bekommt – nicht, weil er unwichtig ist,

sondern weil etwas anderes schwerer wiegt.



In der gemeinsamen Arbeit lade ich den Vater ein,

sein Verhalten zunächst nicht zu verändern.

Sondern es bewusst fortzuführen und zu beobachten.


Was bleibt gleich?

Was bewegt sich?


Denn manchmal zeigt sich erst im Bestehenden, welche Kräfte wirken.

Was sichtbar wird, ist eine Spannung:


Zwischen dem Wunsch, sich selbst treu zu bleiben und der Angst, Zugehörigkeit zu verlieren


Zwischen individueller Freiheit und der Vermeidung von Scham.


Systemische Arbeit bedeutet hier nicht, diese Spannung aufzulösen.

Sondern sie verstehbar zu machen.

Als Teil eines Systems, das schützt und gleichzeitig begrenzt.



Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Wie Verständnis die Verbindung verhindert

Heute in meiner Praxis Eine Erkenntnis, die mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet – und die ich auch im Austausch mit Menschen außerhalb meiner Praxis wahrnehme: Viele erwachsene Kinder haben gel

 
 
 
Ein Teil ist noch kein Ganzes

Ich sage meinen Klient:innen nicht, was sie tun sollen. Nicht, weil es keine Antworten gäbe. Sondern weil das voraussetzen würde, dass ich wüsste, welcher nächste Schritt für sie passend oder richtig

 
 
 
Die Wahrheit hinter der Lüge

Neulich saß eine Frau Anfang dreißig in meiner Praxis. Sie wirkte souverän, wach, präsent. Eine Persönlichkeit, die gelernt hatte, Räume einzunehmen. Die wusste, wie man Geschichten erzählt, Menschen

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page